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Digitale Geisteswissenschaften: Offene Fragen - schöne Aussichten


Zurück zum Heft: ZMK Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 10/1/2019: Ontography
DOI: 10.28937/1000108232

Beschreibung

In den letzten zehn Jahren sind die digitalen Geisteswissenschaften von einem Randphänomen zu einem der sichtbareren Felder kultur- und geisteswissenschaftlicher Forschung geworden. Dieser Erfolg ist von Kritik begleitet und Fotis Jannidis identifiziert drei Topoi der Kritik an den Digital Humanities, die oft vorgebracht und wiederholt werden: 1. ›Das wussten wir schon vorher‹ 2. ›Die Themen der Digital Humanities sind veraltet‹ 3. Es handle sich bei den Digital Humanities um eine neue Form des Positivismus, der geisteswissenschaftliche Gegenstände nicht adäquat beschreibt. Diese drei Vorwürfe gegen die Digital Humanities werden von Jannidis aufgegriffen und auf ihren argumentativen und wissenschaftspolitischen Gehalt befragt und hinterfragt. Der Beitrag schließt mit einem Plädoyer für das Ausprobieren, Basteln und für die Neugierde auf die neu entstehenden Datensammlungen in den Bibliotheken und Archiven. Markus Krajewski hält die Erwartungen an das Innovationspotenzial der Digital Humanities dagegen für überzogen, die aus seiner Perspektive bisher über den Status einer Hilfswissenschaft nicht hinausgekommen sind. So wie die Diplomatik um die Analyse von Urkunden oder die Numismatik um die Einordnung von Münzen oder die Paläographie um die Analyse von Handschriften besorgt ist, so kümmern sich die Digital Humanities bisher lediglich um die Nahtstelle von geisteswissenschaftlichen Forschungsfragen mit computergestützten Methoden. Die eigentliche Aufgabe der Digital Humanities bestünde aber darin, die Kulturtechnik Codieren in den Vordergrund zu rücken. Denn Programmcodes lesen und schreiben zu können, seien auch für Geisteswissenschaftler eine Schlüsselkompetenz, damit die Schrift der Zukunft – die von Softwareentwicklern, Computeringenieuren und selbstlernenden Maschinen entworfenen Algorithmen – weiterhin kritisch kommentiert und interpretiert (und nicht bloß passiv angewandt) werden kann. During the last ten years, the so-called digital humanities have developed from a footnote to being a major player in the academic field of cultural studies and humanities alike. However, success goes hand in hand with increasing criticism, and Fotis Jannidis identifies three topoi of critique digital humanities repeatedly have to face. 1. ›We already knew that‹ 2. ›The topics of digital humanities are outdated‹ 3. Digital humanities are said to be a new form of positivism not adequately describing humanities related issues. Jannides takes up these accusations against digital humanities by scrutinizing and questioning their argumentative and scientific- political substance. The article closes with a speech promoting of a phase of trial and error, of tinkering and of curiosity for the subject at hand while analyzing newly originated data collections from libraries or archives. In Markus Krajewski’s opinion, however, the expectations placed in the potential of innovation of digital humanities are exaggerated which subsequently leads him to label them an ancillary discipline. The usefulness of digital humanities is entirely limited to providing the link between humanities-related research questions and computer-based methods in the same way diplomatics relies on the analysis of records, numismatics on the process of categorizing coins or paleography on the analysis of historical manuscripts. Krajewski sees the real task of digital humanities in bringing the cultural technology of coding into the spotlight. He describes the ability to write and read source code as a key competence every modern humanities scholar needs in order to be able to critically comment and interpret the script of the future: algorithms designed by software developers, computer engineers, and auto-didactic machines.