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Funktion und Ornament in der postmodernen Baukunst

Zum Verhältnis von Leib und Architektur: eine phänomenologische Anfrage

Zurück zum Heft: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft Band 63. Heft 1
DOI: https://doi.org/10.28937/1000108139

Inhalt

Beschreibung

Als Reaktion auf den Funktionalismus ergab sich in der postmodernen Architektur eine Doppelcodierung von Einfachheit und Komplexität sowie Tradition und Innovation. Damit konnte der Primat von Gebrauch und Nützlichkeit in der Städteplanung durchbrochen werden, aber die postmodernen Verwirklichungen blieben oft Einzelverwirklichungen, ohne das Erbe der alten ›europäischen Stadt‹ als Differenz und Einheit effektiv aufzugreifen. Teilweise wurden organische Verbindungen von Umgebung und Wohnnotwendigkeit berücksichtigt, und auch das Ornament gewann wieder als Zitat oder spielerische Ironie der Stile an Bedeutung. Bis heute scheint jedoch eine radikal phänomenologische Berücksichtigung des Bezuges zwischen Leiblichkeit und Architektur zu fehlen. Denn der bebaute Wohnraum ist nicht nur der affektiv-leibliche Raum der Bedürfnisse und Imagination der Menschen, sondern schlechthin die Weise seiner Kosmoseinverwurzelung. Da die großen ›Metaerzählungen‹ nicht mehr als Sinngebung von Einheit seit der Postmoderne herangezogen werden können, bleibt nur die unmittelbar subjektive Leiblichkeit mit ihren Selbst- und Weltbezügen, um eine erneute sinnlich-ästhetische Einheit ohne ideologischen Allgemeinheitsanspruch stiften zu können. Diese ebenso individuell wie gesamtkulturell zentrale Frage zu unterstützen, dürfte die aktuelle Aufgabe der Baukunst sein. As a reaction against functionalism, postmodern architecture developed a twofold codification using both simplicity and complexity as well as tradition and innovation. Thus, the primacy of use and utility was effectively undermined in urban planning. However, postmodern achievements often remained isolated performances that failed to actively take over the heritage of the ›European city‹ as difference and unity. The organic unity of the environment with housing needs was partially taken into account, as was the ornament taken as a form of quotation or as playful irony referring to styles. A radical phenomenological account of corporeality (›Leiblichkeit‹) and architecture, however, is still lacking today. Housing space, indeed, is not only the affective-corporeal space pertaining to human needs and imagination, but also the way through which the human is rooted in the cosmos. Since the rise of post-modernity the great ›meta-narratives‹ have become unable to provide meaning to such unity. Therefore, the task of producing a new sensitive-aesthetic unity without recourse to the generalizations of ideology, can only be accomplished by referring to immediate subjective corporeality in its relation to self and world. To support this both individually and culturally relevant research could very well be the task of contemporary architecture.