Menu Expand

Kompensation und Kontingenz in deutschsprachiger Literatur

Spedicato, Eugenio

Beiträge zur Literaturtheorie und Wissenspoetik, Bd. 8

2016

Zusätzliche Informationen

Bibliografische Daten

Abstract

Die Persistenz von Denkschemata und narrativen Praktiken der „permanenten Theodizee“ (Bohrer) und der „Kompensation“ (Marquard) ist in der deutschsprachigen Literatur seit Leibniz und den literarischen Theodizeen bis hin zu den Holocaust-Romanen der Gegenwart ein zentrales Phänomen, das in der Forschung noch keine Gesamtdarstellung gefunden hat. Der starken ‚Doktrin des Guten‘, die in all diesen literarischen Kompensationsmustern uneingeschränkt waltet, steht aber eine vergleichsweise seltenere Kontingenz-Ästhetik gegenüber, die das Aleatorische und Bedrohliche, das Böse und die Apokalypse, ja auch die Notwendigkeit einer Lebensakrobatik zumeist ohne Entlastungen und Beschwichtigungen privilegiert. Bedeutet „Kompensation“ in der Alltagswelt etwa Zwischenlösung, ist sie in der Literatur doch nur eine sublime Form von Verrat an der schönen Unbestimmtheit. Diesem Gesamtkomplex sind die in dem Buch enthaltenen Studien gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Zwischenüberschrift Seite Aktion Preis
Cover C
Titel iii
Impessum iv
Inhalt 1
Einführung 5
Kompensation 11
1 Die ‚große Kette‘ des Bösen im späten 18. Jahrhundert mit besonderem Bezug auf Jean Paul 13
1.1 Theodizee, Antitheodizee, Ersatztheodizee 13
1.2 Kompensation bei Jean Paul 29
2 Desavouierungen der Zufälligkeit nach der Theodizee 41
2.1 Die Ausstrahlungskraft der "Théodicée" 41
2.2 Gotthold Ephraim Lessing: Gegen den selbstverhängten Fatalismus 43
2.3 Johann Caspar Lavater: Eine Art Theodizee, im Antlitz ablesbar 46
2.4 Johann Gottfried Herders ‚Historiodizee‘ unter Vorzeichen der Humanität 49
2.5 Jean Pauls Aufwertung der Zufälligkeit 53
3 Kunst als Ausgleich zu Wirklichkeit und Historie in Friedrich Schillers philosophisch-ästhetischen Schriften 61
3.1 Friedrich Schillers Glücksversprechen in den Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" 61
3.2 „Zwei Genien“ gegen „die traurige Abhängigkeit von dem Zufall“ 68
4 Eigenverantwortlichkeit contra Gefügigkeit in Jeremias Gotthelfs "Die schwarze Spinne", Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" und Lars von Triers "DOGVILLE" 73
4.1 Realistische Wirklichkeitsverklärung 73
4.2 Eigenverantwortlichkeit contra Gefügigkeit 74
5 Das Prinzip Grausamkeit als Auslöserkompensatorischer Fiktionen bei Robert Musil, Stefan Zweig, Friedrich Dürrenmatt und Edgar Hilsenrath 85
5.1 Jenseits des Sadismus: "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" 85
5.2 Humanität im Dämonischen: "Der Amokläufer" 90
5.3 Gerechtigkeitsfanatismus in "Der Verdacht" 93
5.4 Nothilfe vs. Grausamkeit in "Nacht" 95
6 Verklärungen im Exil: Ödön von Horváth, Joseph Roth und Stefan Zweig 103
6.1 Literarische Linderungsmittel 103
6.2 "Jugend ohne Gott": Wahrheitsliebe gegen Sittenverrohung 103
6.3 "Die Legende vom heiligen Trinker" oder die Zurückeroberung der Menschenwürde 105
6.4 "Die Schachnovelle" als profane Märtyrerlegende 108
7 Die barmherzige Lüge in Jurek Beckers "Jakob der Lügner" 111
8 Der ‚gute‘ deutsche Kolonialsoldat in Uwe Timms "Morenga" 117
8.1 Aus einer bequemen Beobachterposition gesehen 117
8.2 Der ‚gute‘ deutsche Kolonialsoldat 121
9 Die Wiedergeburt des ‚guten‘ Deutschen in Bernhard Schlinks "Der Vorleser" 125
9.1 Exkulpation als Kompensation 125
9.2 Die ‚ideale‘ NS-Täterin und der ‚ideale‘ Vertreter der zweiten Generation 128
Kontingenz 135
10 Zufälligkeit als Attribut des Schönen in Friedrich Schillers "Über Anmut und Würde" 137
11 Das große Drama der Wandelbarkeit im "Wallenstein" 141
12 Kontingenz in den Dramen Heinrich von Kleists 149
12.1 Kontingenz und Zufall mit Blick auf Kleist 149
12.2 Kontingenz und Zufall in der Kleist-Forschung 153
12.3 Kleists Weg zur Selbstnötigung 156
12.4 Hasardspiele, Zufälle, Selbsttäuschungen 157
13 Das Abwendbare im Unverfügbaren. Katastrophenbilder in Johann Wolfgang Goethes "Die Wahlverwandtschaften" und Dieter Wellershoffs "Der Liebeswunsch" 171
13.1 Kritik an forcierter Glückssuche 171
13.2 Die zwei Vierergruppen im Vergleich 173
13.3 Die vermeintlichen Allüren des Unangemessenen 178
13.4 Fehlgeleitete Verständigkeit 179
13.5 Neostoizistische Selbsthilfe ohne Weitsicht 181
13.6 Das scheinbar Richtige ist immer falsch 182
13.7 Resümee 183
14 Der „Möglichkeitssinn“ in Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" 185
15 Der Kontingenz-Gedanke und die Universalien Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit bei Friedrich Dürrenmatt 189
15.1 Vorüberlegung 189
15.2 Gnade ohne Begnadete 193
15.3 Geschichte ohne Historie 196
15.4 Justiz ohne Gerechtigkeit 198
15.5 ‚Wahrheitswertkandidaten‘, aber keine Wahrheit 202
16 Selbstauflösung und Zerreißproben der Kontingenz bei Dieter Wellershoff 205
17 Depersonalisation in Gerhard Roths "Der große Horizont" und "Winterreise" 223
Ausblick 233
Literaturverzeichnis 235
Textnachweise 243
Back Cover BackC