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Manierismus

Interdisziplinäre Studien zu einem ästhetischen Stiltyp zwischen formalem Experiment und historischer Signifikanz

Herausgeber: Huss, Bernhard | Wehr, Christian

Germanisch-Romanische Monatsschrift. Beihefte, Bd. 56

2014

Zusätzliche Informationen

Bibliografische Daten

Abstract

Jenseits der anhaltenden Kontroversen, die um den künstlerischen Manierismus geführt wurden, konvergieren die meisten Positionen immer wieder in einem entscheidenden Punkt: Das genuine Merkmal manieristischer Diskurse ist demnach die programmatische Missachtung tradierter ästhetischer Normen und Konventionen, oft auch der provokative Verstoß gegen sie. Dies gilt für die bildenden Künste ebenso wie für die Architektur, Literatur und Musik. Charakteristisch ist dabei, dass sich diese subversiven Gesten kaum inhaltlich-thematisch, sondern nahezu ausschließlich formal manifestieren. Wie die Etymologie bezeugt, hat man den Manierismus seit jeher über das demonstrative, oftmals explizite Ausstellen der Verfahren definiert, denen das Werk seine eigene Konstitution und Formgebung verdankt. Diese Dominanz des Formalen war wiederholt Anlass pejorativer Wertungen. Insbesondere die ausgeprägte Tendenz des Manierismus zur formalen Selbstreflexivität generierte den akademischen Topos inhaltlicher Bedeutungslosigkeit. Zu denken ist an kanonische Einschätzungen, die ihn zur sekundären, wenn nicht gar degenerativen bis pathologischen Kunstform herabstufen. Die Beiträge des vorliegenden Bandes möchten diese eindimensionalen Festlegungen aufbrechen und auf weiterführende historische und funktionsgeschichtliche Zusammenhänge öffnen. Sie stellen die grundsätzliche Frage, inwieweit die manieristische Subversion der Norm auch auf geschichtliche Kontexte jenseits der formalästhetischen Konventionen zielt. Weit über das Ästhetische hinaus wandelt sich der Manierismus in vielen Fällen zur Repräsentationsinstanz sozialer, politischer, psychologischer oder musikalischer Grenzbereiche, die sich den offiziellen Diskursen tendenziell entziehen.

Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis 5
DER MANIERISMUSBEGRIFF ALSINTERDISZIPLINÄRE HERAUSFORDERUNG 9
B. HUSS/C. WEHR, Zur Einführung: Die Problemstellung ‚Manierismus‘ 11
G. REGN, Manierismus: Kritik eines Stilbegriffs 19
ZWISCHEN POETOLOGISCHER NORMUND POETISCHER PRAXIS.MANIERISTISCHES SCHREIBEN INSPÄTMITTELALTER UND FRÜHER NEUZEIT 45
G. PENZKOFER, Von der Macht der Liebe zum Eros der Macht. Manieristische Dichtung in den spanischen ‚Cancioneros‘ des Mittelalters und der Frühen Neuzeit 47
B. HUSS, Luigi Grotos Rime: Manierismen als implizite Metapoesie 71
M. DI DOMENICA, Manierismus vs. Aristotelismus.Zur ästhetischen Subversion regulativer Prinzipien in denHorror-Tragödien der italienischen Renaissance 93
S. OBERTO, Manierismus und Burleske im italienischenAkademiewesen des 16. Jahrhunderts:Der Fall des als ‚lettera amorosa‘ maskiertenSprichwortbriefs des Arsiccio Intronato 113
C. HENNIG, Guido Casonis Passione di Christo – manieristischeExaltiertheit im religiösen Figurengedicht? 131
J. SOLERVICENS, Gattungsmischung und Autoreflexivität jenseits desPetrarkismus in der Lyrik von Francesc Vicent Garcia 161
M. FÖCKING, Manierismus und Anagramm.Sinnfülle und Sinnverlust geistlicher Anagrammdichtungim 17. Jahrhundert 175
UNIVERSALITÄT EINES STILTYPS?MANIERISMUS IN WORT, MUSIK, ARCHITEKTURUND BILDENDER KUNST 191
F. MEHLTRETTER, Plural und Manier.Begriffsstrategische Überlegungen zur Lyrikvon Pietro Casaburi Urries und Ludovico Leporeo 193
I. M. GROOTE, Spielarten des musikalischen Manierismus:Serafino Cantones Academia festevole (1627) 207
J. PIEPER, Sabbioneta.Die Maßfigur einer Idealstadt aus dem Geiste desManierismus 233
M. ZIMMERMANN, La castrazione del cielo und die Herrschaft über die Zeit.Der Garten Großherzog Cosimos I. deʼ Medici in Castello 251
K. LEONHARD, Verbreiterung der Ränder.Zum Kartuschenbild im 16. und 17. Jahrhundert 285
WISSEN UND DICHTUNG.MANIERISMUS IM SPANNUNGSFELDVON POETIK UND EPISTEMOLOGIE 305
C. WEHR, Manierismus und Anamorphose.Francisco de Quevedos En breve cárcel traigoaprisionado 307
M. LIEBERMANN, Optik und Rhetorikin Emanuele Tesauros Cannocchiale aristotelico 321
H. PFEIFFER, Manieren der Aufklärung.Zur Formierung der Kulturkritik zwischenSozialbeschreibung und Kunstkritik 337
MANIERISTISCHE STILEXPERIMENTEIM 20. JAHRHUNDERT 357
D. NELTING, Manierismus und Autobiographie. Überlegungen zu Stilund Selbst in Alain Robbe-Grillets Romanesques 359
B. KUHN, Manières en X: Manierismen von Mallarmé bis Oulipo 375
G. RINGS, Manieristische Tendenzen in der zeitgenössischenitalienischen Narrativik:Vincenzo Consolo und das Labyrinth der Erinnerung 413