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Mediale Inszenierungen des ‚Mezzogiorno’

Die „Südfrage“ als Prüfstein der Einheit Italiens und der Idee Europas

Vögle, Theresa

Reihe Siegen. Beiträge zur Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft, Bd. 168

2012

Zusätzliche Informationen

Bibliografische Daten

Abstract

Das Thema des Mezzogiorno erscheint mit dem europäischen Modernediskurs: südlich orientale ‚longue durée’ versus nordeuropäische Ereignisgeschichte. Der Mezzogiorno wird zu einer Raummetapher der Rückständigkeit und der Stagnation. Der nachgerade ‚kolonialistische‘ Blick italienischer Intellektueller und Abgeordneter auf den Süden des Landes im Zuge des Risorgimento bildet den Rahmen für immer wiederkehrende stereotype Diskursmuster der Alterität und zeichnet den Süden als rückständigen „Orient“ bzw. als inneritalienisches „Afrika“. Die Dissertation zeigt mithilfe der ‚postcolonial studies’ und geschichtsphilosophischer Konzepte (Braudel/Koselleck), wie die Medien (Zeitschriften/Literatur/Film) diese Diskurse ab den 1870er Jahren aufgreifen, Erzählungen des inneritalienischen Anderen konstruieren und antimeridionale Vorstellungsbilder aufrufen, die auch noch im 21. Jahrhundert das kollektive Bewusstsein zu prägen scheinen. Diese verweisen auf einen krisenhaften, archaischen, hermetischen Mezzogiorno und illustrieren auch noch über 100 Jahre nach der Einigung Italiens das Bild der „due Italie“, was in einem filmanalytischen Teil über das Kino der 1960er/1970er Jahre bis hin zum aktuellen italienischen Regionalkino verdeutlicht wird.

Inhaltsverzeichnis

Zwischenüberschrift Seite Aktion Preis
Inhaltsverzeichnis 7
Danksagung 9
Abstract 11
1 Einleitung 13
1.1 Vorgehensweise und Zielsetzung 13
1.1.1 Der archaische Süden als Machtdiskurs aus Sicht der Postcolonial theory 13
1.1.2 Der süditalienische Alteritätsdiskurs in Verbindung mit Zeittheorien 18
1.2 Selbst- und Fremddarstellungen des mediterranen Raums 23
1.2.1 Heterostereotype: Süditalien als Paradies oder barbarische Wildnis 29
1.2.2 Die Pathologisierung des Südens: Vom Fremd- zum Autostereotyp 37
1.2.2.1 Süditaliener im Exil: Der Mezzogiorno als das negativ konnotierte Andere 39
1.2.2.2 „Questa è Affrica“: Der Süden als Machtdiskurs italienischer Politiker 43
1.2.3 Die Questione Meridionale und die Aktualität des Nord-Süd-Dualismus 48
2 Von der Vorstellung der linearen Zeit zum Zeitschichten-Konzept 59
2.1 Exkurs: ‚Zeitschichten‘ als philosophische und filmische Konzepte 59
2.1.1 Die Zeitphilosophie Henri Bergsons 59
2.1.2 Braudels durée in Analogie zum Deleuze’schen Zeitbild 62
2.2 Die Vorläufer der nouvelle histoire und der Einfluss auf die Annales 64
2.2.1 Fustel de Coulanges als Entdecker der longue durée avant la lettre 64
2.2.2 Sozialgeschichtliche Ansätze als Vorläufer eines ‚Zeitschichten‘-Modells 68
2.2.2.1 Durkheim und Halbwachs: science sociale und mémoire collective 68
2.2.2.2 Gaston Roupnel und die unbewusste Geschichte der Massen 72
2.3 Die erste Generation der Annales: Entwicklung einer Mentalitätsgeschichte 74
2.3.1 Marc Bloch: Die Zeit als gelebte soziale Deutung 76
2.3.2 Lucien Febvre und die Begründung der histoire des mentalités 79
2.4 Braudel und das Mittelmeer als träges Raumparadigma der longue durée 81
2.4.1 Die kulturelle Vielfalt des Mittelmeerraums: Braudels Inklusion der Alterität 84
2.4.2 Kulturraum ,MittelmeerΚ als Alteritätskonzept zur nordwestlichen Moderne 96
2.4.2.1 Aufbau, Terminologie und Thematik von Braudels La Méditerranée 96
2.4.2.2 Die Pluralisierung der Zeit und Braudels Zeitschichten-Theorie 98
2.5 Kosellecks ‚Sattelzeit‘ um 1800 oder „Die Moderne hat nie begonnen“ 107
2.5.1 Die Veränderung des Raum-Zeitbewusstseins in der ‚Sattelzeit‘ 109
2.5.2 Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen um die Epochenschwelle 1800 116
2.6 Synthese: Zeitschichten und die Verbindung geschichtlicher Zeiten 119
3 Der Mezzogiorno im Kontext des Orients und der postcolonial studies 127
3.1 Foucaults Diskurs-Wissen-Macht-Relation und Gramscis Hegemonie-Begriff 127
3.2 Exkurs: Lévi-Strauss und die Konstruktion von Kultur, Rasse, Ethnizität 132
3.3 Identitäts- und Alteritätsdiskurse: Europa versus Orient und Mezzogiorno 134
3.3.1 Fascinosum und tremendum: Das janusköpfige Bild des Fremden 134
3.3.2 Die Konstruktion des Orients aus Sicht der postkolonialen Theorie 137
3.4 Der Mezzogiorno und das Konzept des „internen Kolonialismus“ 146
3.4.1 Gramsci und die süditalienischen Regionen als „colonie di sfruttamento“ 146
3.4.2 Der stumme Widerstand der „Subalternen“ im Mezzogiorno 150
3.5 Aktuelle Forschungsperspektiven: Der Mezzogiorno als Einheit in der Vielfalt 152
4 Die mediale Inszenierung des Mezzogiorno vom 19. Jahrhundert bis heute 161
4.1 Fascinosum und tremendum: Der Mezzogiorno in Zeitschriften des Ottocento 166
4.1.1 Geschichte der italienischen Presse und die Konfiguration der Bildmedien 166
4.1.2 Themen der Rassegna settimanale und der Illustrazione Italiana 171
4.1.3 Der Mezzogiorno als Brennspiegel der sozialen Probleme in der Rassegna 176
4.1.4 L’Illustrazione Italiana: Süditalien als exotische, unberührte Landschaft 183
4.1.4.1 Geschichte und Entwicklung der Illustrazione Italiana 183
4.1.4.2 Das Image der paesaggi meridionali: Exotismus und Orientalisierung 190
4.2 Das Bild des Mezzogiorno in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts 210
4.2.1 Longue durée und die Abhängigkeitsbeziehung von Mensch und Milieu 216
4.2.1.1 Südliches Klima, Affekte und mediterraner Verhaltenskodex 216
4.2.1.2 Ressourcenknappheit, feindliche Natur und das Weltbild der miseria 224
4.2.2 Archaische Strukturen und ,kolonialistischer BlickΚ auf die classe subalterna 232
4.2.2.1 Die geschichtete Gesellschaft und die Kluft zwischen Arm und Reich 232
4.2.2.2 Emigration und der Ausbruch aus dem süditalienischen „mondo chiuso“ 244
4.2.3 Das mediterrane ländliche Rechtssystem: Brigantentum und Blutrache 251
4.2.3.1 Brigantaggio und das Leben der Bauern aus Sicht des Bürgertums 251
4.2.3.2 Vendetta als Konsequenz des Lebens der ländlichen Unterschichten 254
4.2.4 Südliche Mentalität und die Nord-Süd-Divergenz aus nördlicher Sicht 264
4.2.5 Die Inszenierung von longue durée und mythischer Zeit in der Literatur 276
4.3 Krisenerzählung Mezzogiorno vom Neorealismo zum aktuellen Regionalkino 292
4.3.1 Lattuadas Mafioso und der „orientalische“ Süden aus nördlicher Sicht 294
4.3.2 Lina Wertmüller: Der archaische Süden und die Auswirkungen des Milieus 304
4.3.2.1 I basilischi: Die mediterrane longue durée oder der Schlaf des Südens 306
4.3.2.2 Südliche Persistenz und prosperierender Norden in Mimì metallurgico 310
4.3.3 Ausblick: La Terra und der Nord-Süd-Kontrast im Nuovo Cinema Italiano 315
4.3.4 Die filmästhetische Umsetzung der südlichen longue durée 319
5 Pensée méridienne oder „Die Einheit in der Vielfalt“ 325
6 Abbildungsverzeichnis 335
7 Literaturverzeichnis 337